Karl Wenzeslaus Rodeckher von Rotteck


 


Als Karl Wenzeslaus Rodeckher Rotteck (die Familie wurde erst 1789 in den erblichen Adelsstand erhoben) am 18. Juli 1775 im vorderösterreichischen Freiburg das Licht der Welt erblickt, regiert im fernen Wien Kaiser Joseph II. Nach dem verheerenden Siebenjährigen Krieg ist es eine Zeit des gesellschaftlichen Aufschwungs in der, wie ein Zeitgenosse berichtet, ... wenigstens einen Teil teutscher Fürsten ... in der Belebung des Kunstfleißes, in der Aufmunterung des Ackerbaus, in der Verbesserung der Staatsökonomie rühmlich wetteifern: Länder wie Baden, wie Dessau sind wahre Gärten Gottes, gepflanzt von Fürstenhänden.

Nach Schulzeit und Studium an der Albertina in Freiburg, wo er auch die Vorlesungen Johann Georg Jacobis hört, erwirbt der junge Karl bereits 1797 die Doktorwürde der Rechtsfakultät. Schon im folgenden Jahr wird er, nach seiner erfolgreichen Bewerbung um den Lehrstuhl, Professor für Allgemeine Weltgeschichte und erlebt in dieser Stellung die Wirren der Napoleonischen Zeit. Im Jahre 1807 ist er Gründungsmitglied einer Lesegesellschaft in Freyburg, die sich später Museumsgesellschaft nennt. Bei ihrem zehnjährigen Jubiläum stellt er hoffnungsfroh fest, daß die Gesellschaft die Bürger instandsetzt, leichter und schneller mit den geistigen Erscheinungen der Zeit bekannt zu werden sowie eine auch in weiteren Kreisen wirksame öffentliche Meinung zu wecken und zu pflegen - und zwar im Schutz einer den liberalen Prinzipien huldigenden Regierung.

Nach Napoleons Sturz richtet sich von Rottecks Hoffnung zunächst auf die Restauration der habsburgischen Herrschaft im Breisgau. Als Kaiser Franz I. im Winter 1813 in Freiburg den russischen Zaren Alexander I. und den preußischen König Friedrich Wilhelm III. trifft, beschreibt er seine Beobachtungen in einem Flugblatt: Heute nachmittags wurde unsere Stadt durch die höchsterfreuliche Ankunft seiner kaiserlichen Majestät ... beglückt ... beym Empfang des menschen-freundlichsten Fürsten: nur freyer Erguß des vollen Stromes der Liebe ... So wie der gute Vater von liebenden Kindern, so wurde Kaiser Franz von seinen ehemaligen Unterthanen empfangen. In den Tausenden, die ihm entgegenströmten, nur eine Empfindung, nur eine Seele. Das unaufhörliche Lebehoch! erfüllte die Lüfte und übertönte der Glocken festlichen Klang; Männer und Weiber, Kinder und Greise weinten, Unbekannte umarmten sich wie Freunde, Fremde wurden Brüder! - Von dem Thor ... durch die lange Kaiserstraße ... - nur eine Masse jubelnder Menschen, auf der Straße wogend und in den Fenstern zusammengedrängt ... Seine Majestät, zu Pferde, mit Huld und sichtbarer Rührung, grüßten wiederholt die Menge. Bald jedoch muss von Rotteck erkennen, dass man in der Hofburg nicht mehr an den ach so fernen Gebieten am Rhein interessiert ist. Österreich strebt auf dem Wiener Kongress eher eine Arrondierung seiner Gebiete im Osten und Süden an.

Als der Verbleib des Breisgaus unter badischer Herrschaft endlich beschlossene Sache ist, sieht von Rotteck die Chance einer Liberalisierung seiner Heimat. Folgerichtig arbeitet er an der Badischen Verfassung von 1818 mit, weil er die Gestattung solcher Freimüthigkeit als eine der vorzüglichsten, ja für mich als die allerkostbarste der Wohlthaten der badischen erleuchteten Regierung ansieht. Dagegen sieht er in der Rückkehr unter die gar nicht mehr so milde habsburgische Hand den Rückfall in einen Obrigkeitsstaat à la Metternich. Deshalb verteidigt er die freiheitliche Badische Verfassung vehement gegen habsburgtreue Revisionisten im Breisgau: Wir haben eine ständige Verfassung erhalten, ein politisches Leben als Volk ... Wir waren Baden-Badener, Durlacher, Breisgauer, Pfälzer, Nellenburger, Fürstenberger, wir waren Freiburger, Konstanzer, Mannheimer: ein Volk von Baden waren wir nicht. Fortan aber sind wir Ein Volk, haben einen Gesamtwillen und ein anerkanntes Gesamtinteresse, d. h. ein Gesamtleben und ein Gesamtrecht. Jetzt erst treten wir in die Geschichte mit eigener Rolle ein. Im gleichen Jahr erhält von Rotteck auch die Professur für Naturrecht und Staatswissenschaften. Erfolgreich veröffentlicht er eine Allgemeine Geschichte für denkende Geschichtsfreunde. Weniger Zuspruch dagegen findet sein 1830 erschienenes Lehrbuch der Staatswissenschaften und des Vernuftrechts in vier Bänden.

Bei den ersten badischen Landtagswahlen wird von Rotteck als Vertreter der Universität in die erste Kammer entsandt. Er macht aus seinen liberalen Ideen keinen Hehl. So lässt die badische Regierung ihn bald ihren Unwillen spüren und setzt bei späteren Wahlen alles daran, damit von Rotteck nicht mehr in den Landtag kommt. Es sind massive Wahlbeeinflussungen und -manipulationen, die zu Protesten in der Bevölkerung führen. Zur Absicherung seiner Wahl lässt sich von Rotteck bei der Wahl 1830 gleich in mehreren Wahlbezirken aufstellen und vertritt schließlich den Kreis Kenzingen-Endingen, in dem nach seiner Meinung die Gemüts- und Sinnesrichtung der Mehrheit der Bevölkerung mit seinen Ansichten am ehesten übereinstimmt.

Auf dem Badenweiler Fest am Pfingstmontag 1832 bekennt von Rotteck sich in der teutschen Frage klar zu einem freiheitlichen Föderalismus: Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit, und will lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit. Ich will keine Einheit unter den Flügeln des preußischen oder österreichischen Adlers … Ein Staatenbund ist, laut Zeugnis der Geschichte, zu Bewahrung der Freiheit geeigneter als die ungeteilte Masse eines großen Reiches. Die Reaktion der badischen Regierung erfolgt prompt mit von Rottecks vorzeitiger Versetzung in den Ruhestand und dem Verbot seiner Zeitschrift 'Der Freisinnige'.

Noch aber steckt von Rotteck nicht auf. Von einer Welle der Popularität getragen gewinnt er die Freiburger Bürgermeisterwahl von 1833 mit überwältigender Mehrheit. Da schlägt die lakonische Nachricht der Regierung wie eine Bombe ein: Nach gepflogener kollegialischer Beratung findet man sich gewogen, der auf den pensionierten großh. Hofrat und Professor Dr. Karl von Rotteck in Freiburg gefallene Wahl zum Bürgermeister dieser Stadt die Bestätigung, wie hiermit geschieht, zu versagen. Als Gerüchte kursieren, dass Karlsruhe bei einer Opposition Freiburgs gegen diesen Entscheid Konsequenzen ziehen würde, verzichtet Karl von Rotteck auf sein Amt, um Schaden von der Stadt abzuwenden. An seiner Stelle wird anschließend sein Neffe, Joseph von Rotteck zum Bürgermeister gewählt.

Statt auf der politischen Bühne versucht von Rotteck nun, seine liberalen Ideen und Ansichten auf Vereinsebene zu vertreten So gründet er zusammen mit Gleichgesinnten wie dem Staatsrechtler Karl Theodor Welker im Jahre 1835 die Bürgerliche Lesegesellschaft Harmonie. Die alte Lesegesellschaft von 1807 (inzwischen umbenannt in Museum), deren Mitbegründer er war, hatte sich in den Jahren der politischen Repression und Pressezensur weniger um die Politik gekümmert und war zunehmend um die Geselligkeit ihrer Mitglieder besorgt

In seinen letzten Lebensjahren ist von Rotteck vor allem wissenschaftlich tätig. Seit 1834 gibt er zusammen mit Welcker ein 15-bändiges Staatslexikon heraus, erlebt aber dessen Fertigstellung nicht mehr, als er am 26. November1840 für immer die Augen schließt.

Manfred Höfert

 

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